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Brüh im Lichte dieses Glückes – keine vaterländische Hymne für den CSD

veröffentlicht am 11. Dezember 2019

Der Kölner CSD soll im nächsten Jahr unter dem Motto „Einigkeit! Recht! Freiheit!“ durch die Straßen ziehen. Die Nationalhymne wird kurzerhand zum positiven Soundtrack einer modernen und diversen Gesellschaft erklärt. Also rollen wir jetzt die Regenbogenfahnen ein und kramen die Deutschland-Flagge raus? Haben wir da was verpasst? Und wollen wir plötzlich wieder ein Vaterland?

Das Lied der Deutschen, wie August Heinrich Hoffmann von Fallersleben seinen Liedtext betitelte, mag vieles einschließen – z.B. in den ersten beiden Strophen auch Landstriche, die u.a. in den Staatsgebieten von Belgien, Italien und Dänemark liegen – aber mit Sicherheit keine LGBTQ*-Menschen. Ganz im Gegenteil, betrachten wir die Begrifflichkeiten genauer, stellt sich die Frage, wer denn hier als „Deutscher“ angesprochen wird.

Alles deutsch oder was?

Es fängt schon mit dem „Vaterland“ an, schreibt sich im „brüderlichen“ Handeln fort. Ganz zu schweigen davon, dass in der zweiten Strophe die wunderliche Zusammenstellung „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“ besungen und gepriesen wird (ja ich weiß: Wein, Weib und Gesang). All das soll uns zu edlen Taten begeistern – dieses „uns“ schließt dann wohl eher nur den männlich tätigen Teil der Deutschen ein. Es geht hier nicht um Menschen, sondern um die Idee eines Vaterlandes – von Diversität und Vielfalt keine Spur.

Nicht umsonst hat die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium anlässlich des Weltfrauentages 2018 eine geschlechtsneutrale Umformulierung vorgeschlagen. Einen Schritt, den Länder wie Österreich und Kanada bereits vollzogen haben. Die Resonanz war verhalten bis ablehnend. Und so streben wir immer noch brüderlich nach dem Besten für unser Vaterland. Wieso sollten wir das auch auf dem CSD tun?

Aneignen – aber was und warum?

Sprachliche Aneignungsprozesse können machtvoll sein und die vergiftende Wirkung von Sprache abmildern. Ob es sich um schwul, lesbisch, Nigger oder Hure handelt, die Strategie, solche diskriminierend und herabwürdigend genutzten Begriffe als Selbstbezeichnung zu verwenden, ist eine Form der Selbstermächtigung. Das funktioniert im Übrigen aber nur innerhalb der Community. Wenn ich als weiße Person People of color als „Nigger“ bezeichne ist das keine Selbstermächtigung, sondern die Fortschreibung gelebten Rassismus.

Der Kölner Lesben- und Schwulentag e.V. (KLuST) möchte sich jetzt mit dem CSD-Motto in einem ähnlichen Aneignungsprozess eine neue Deutungshoheit erarbeiten: Dieses Land ist unser Land! Unser Grundgesetz, unsere Nationalhymne und unsere Einheit! – so heißt es auf der Website. Aber was eignen wir uns damit eigentlich an? Die Nationalhymne hat eine toxische Geschichte, da hilft auch kein historischer Hintergrund als Relativierung. Verfasst 1841, gedacht als Kritik an der Vielstaaterei und kurzerhand mit der Melodie des „Kaiserquartetts“ des österreichischen Komponisten Joseph Haydn unterlegt, drücken sich großdeutsche Fantasien und, ja, (territoriale) Aneignungsprozesse aus, die in Europa schon damals mindestens für Irritationen gesorgt haben.

Nach ihrer unrühmlichen Vereinnahmung durch die Nazis wurden die beiden ersten Strophen dann, als das Lied zur Nationalhymne erklärt wurde (übrigens ohne Verankerung im Grundgesetz oder ein formelles Gesetz), verbannt. Die beiden ersten Strophen sind allerdings heute – entgegen einer weit verbreiteten Annahme – nicht verboten. So findet sich etwa auf YouTube eine wunderbare Version, gesungen von Heino. Trotzdem sind sie offiziell nicht Bestandteil der deutschen Nationalhymne.

Auch das könnte ein Aneignungsprozess sein. Dann fragt sich aber, ob es nicht auch eine Form der Aneignung ist, wenn alte Nazi-Kader und im Zweifel auch Kriegsverbrecher die BRD auf allen erdenklichen Posten und in vielen Institutionen mitgestalten dürfen. Ausblenden ist nicht gleichbedeutend mit aneignen.

Solidarität statt Vaterland

Übrig geblieben als Nationalhymne ist jedenfalls die offensichtlich als unbelastet empfundene dritte Strophe, die uns jetzt mit reichlich Ausrufezeichen versehen, das CSD-Motto liefern soll. Das ist keine Aneignung, sondern Kapitulation. Die LGBTQ-Bewegung kann und darf niemals Solidarität und Zusammenhalt an Staatsangehörigkeit knüpfen und in fröhlicher Nabelschau die Verdienste des deutschen Staates und Rechtssystems feiern. Ja, wir haben einiges erreicht, aber es bleibt so viel zu tun – vor allem, wenn wir die deutschtümelnde Brille absetzen und den Blick in eine Welt wenden, in der von gleichen Rechten an vielen Orten kaum die Rede sein kann und LGBTQ*-Menschen Verfolgung und Gewalt ausgesetzt sind.

Ich habe kein Problem, eine mehr als fragwürdige Hymne den Rechten zu überlassen, deren Weltbild sie mit Sicherheit wesentlich mehr entspricht. Warum sollen wir unsere Zeit damit verschwenden, ihnen etwas zu entreißen, das wir gar nicht haben wollen? Zumal wir auch bedenken müssen, wen ein solches Motto anziehen wird. Immer wieder gibt es Versuche von Neurechten, den CSD zu nutzen, um etwa ihre islamophoben Ansichten zu verbreiten. Wir sollten sie nicht mit fragwürdigen Aneignungsversuchen ermuntern.

Und falls wir schon in der Mottenkiste der Hymnen wühlen wollen, schlage ich für das nächste Motto einen Blick in die Internationale vor, die erkämpft immerhin das Menschenrecht und verliert sich nicht ans Vaterland.

P.S. zur Aufklärung des Titels: Die Sängerin Sarah Connor hat sich bei ihrer Interpretation der Nationalhymne vor einem Fußballspiel der deutschen Männer-Nationalmannschaft textlich verheddert. Bei ihr brüht das deutsche Vaterland im Lichte dieses Glückes.

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