Logo

Wir sind auch besorgt

veröffentlicht am 9. September 2020

Die FAZ hat sich jüngst mit einem Gastbeitrag hervorgetan, der sich mutig gegen die Dominanz von LGBTQ-Gruppen und ein „neues Machtsystem“ stellt. Geschrieben ist der Artikel mit der Autorität von Professuren, im Kern soll er wieder einmal die Kinder und die „klassische Familie“ schützen. Müssen wir uns also sorgen, dass die Mehrheit zur Randgruppe wird?

Die Angst, als unaufgeklärt, rückständig und minderheitenfeindlich gebrandmarkt zu werden, geht unter Heteros um.

Der Argumentation des Beitrags folgend auf alle Fälle. Dort lesen wir, dass „sexuelle Minderheiten und unterschiedliche Lebensformen in ihrer Eigenheit und vor Entwertung geschützt werden“, die Lebensform „die von der großen Bevölkerungsmehrheit als stimmig und für sich passend erlebt und gelebt wird“ aber in Verruf gerät. Warum das Ganze? Natürlich, weil es eine Trans-Bewegung gibt, die zwölfjährige Mädchen zur Mastektomie treibt und in Berlin einen Medienkoffer, in dem es Bücher gibt, in denen auch Regenbogenfamilien und LSBTIQMenschen vorkommen – ebenso wie die Frage nach der (eigenen) geschlechtlichen Identität. Und das, obwohl diese „Phänomen“ „faktisch {…] kaum vor[kommen]“. Das wird noch getoppt von wilden Geschichten über Jugendliche, die wahlweise ein „Freudenhaus der sexuellen Lebenslust“ gestalten oder Dildos, Vaginalkugeln oder ähnliches Bewohnerinnen eines fiktiven Miethauses zuordnen sollen.

Wer ist hier besorgt?

Also jetzt mal langsam. Fangen wir vorne an: Bei der Prämisse, dass Gleichstellung längst erreicht ist und Diskriminierung nur noch als Totschlagargument eingesetzt wird, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Echt jetzt? Selbst wenn wir den Blick streng auf unser näheres Umfeld gerichtet halten und von globaler Unterdrückung von LSBTIQ-Menschen mal eben engstirnig absehen, kann eine solche These wohl nur aus der privilegierten cisgender und heterosexuellen Perspektive aufgestellt werden. (Nebenbei bemerkt ist es nie eine gute Idee, jemanden von außen zu erklären, er_sie werde gar nicht diskriminiert.) Vielmehr haben alle LSBTIQ* und Allies auch im Moment Grund besorgt zu sein.

Wir sind besorgt, wenn in Siegen queerfeindliche Übergriffe geschehen, wenn schwule Pflegeväter in der Schule aufgefordert werden, ihre sexuelle Orientierung nicht publik zu machen oder wenn die Bundesfamilienministerin von negativen Effekten von Regenbogenfamilien auf Kinder ausgeht (aber lieber doch keine Studie dazu beauftragen will). Aber besorgte LSBTIQ-Menschen kümmern sich anders als besorgte Eltern ja nur um ihre eigenen Interessen.

Heteros am Rand?

Bleibt die Frage, wie oft die jüngst an den Rand gedrängte „klassische Familie“, heterosexuell- und cis-identifizierte Menschen aufgrund ihrer Lebensform, der geschlechtlichen oder sexuellen Identität Angriffen und Anfeindungen ausgesetzt sind. Wohl eher selten. Allerding leben sie laut den beiden Autorinnen in der ständigen Angst, durch die LSBTIQ-Lobby „als unaufgeklärt, rückständig und minderheitenfeindlich […] gebrandmarkt“ zu werden und sind dem Gefühl der moralischen Unterlegenheit ausgesetzt.

LSBTIQ-Pride scheint also schwer auf ihren Schultern zu lasten. Probleme, die den Privilegierten vorbehalten sind. Privilegien funktionieren immer nur, wenn diese Vorrechte nicht allen zugängig sind, sondern Gruppen bevorzugen und damit Ungleichheit schaffen. Gemeinhin ist das Bedürfnis, Privilegien zu teilen oder aufzugeben, wenig verbreitet. Umso verbreiteter ist dafür die Leugnung der Tatsache privilegiert zu sein, z.B. als Lebensform nicht ständig in Frage gestellt zu werden. Insofern verwundert es nicht, wenn Schritte zur rechtlichen Angleichung – wie etwa die sogenannte „Ehe für alle“ – als Angriff empfunden und flugs von der Unterdrückung der Mehrheit und dem Untergang des Abendlandes fabuliert wird. Drunter haben wir es nicht.

Zum Wohl der Kinder

Aber es bleibt nicht bei dieser befremdlichen Sichtweise, sondern es werden natürlich die Kinder ins Feld geführt, die schutzlos den „Überforderungen“ und der „Überwältigung“ durch eine frei drehende LSBTIQ-Befreiungsbewegung ausgesetzt sind. Der Einfluss bestimmter Interessengruppen – so die Argumentation – dränge die Kinder in eine „weltanschauliche Position“ und nehme ihnen die „unbeschwerte Entwicklung“. Auch hier sollten die Autorinnen gelegentlich ihre cisgender und heterosexuell genormte Brille absetzen. Ziel einer gendergerechten und an Vielfalt orientierten Sexualpädagogik ist es genau, ALLEN Kindern ein möglichst unbeschwertes Aufwachsen zu ermöglichen und nicht nur den Kindern, die der normativen Identität genügen.

Es ist wichtig für Kinder aus Regenbogenfamilien, dass sie ihre Familienkonstellation in Büchern wiederfinden und Fragen nach ihrer Zeugung thematisiert werden können, es ist wichtig für Transgender-Kinder, dass sie ihre Situation nicht als Dilemma erleben müssen, und es ist wichtig für ALLE Kinder, dass sie Vielfalt als Bereicherung erfahren und nicht als Verlust von Privilegien. Und genau deshalb ist es wichtig, solche Themen altersgerecht auch in die Kita zu tragen. Die „Geschlechterverwirrung“, die die beiden Autor*innen beklagen, belastet wohl eher jene, die eben nicht das Glück hatten, dabei an die Hand genommen zu werden. Sie sollten sich in ihrer Verwirrung aber nicht hinter dem Wohl der Kinder verstecken.

Den Gastbeitrag von Bernd Ahrbeck und Marion Felder in der FAZ könnt Ihr hier lesen. Queer.de und Margarete Stokowski in einer Spiegel-Kolumne haben sich auch schon lesenswert zur Wehr gesetzt.